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Münzwurf ja oder nein! Christoph Deumling interviewt Entscheidungscoach Felix Schürholz auf BAYERN 1 am Vormittag

Anlässlich der Münzwurf-Studie von Marie Douneva “Toss and turn or toss and stop? A coin flip reduces the need for information in decision-making” von der Universität Basel, wurde ich heute von Christoph Deumling auf BAYERN 1 am Vormittag gebeten, Stellung zum Thema zu nehmen.

Münzwurf, Shutterstock Foto von OBprod

Münzwurf, Shutterstock Foto von OBprod

Kurz zusammengefasst haben Douneva, M., Jaffé, M., & Greifeneder, R. (2019) in einem Online Experiment mit insgesamt 997 Teilnehmern dokumentieren können:

  • Dass die Anwendung einer einfachen Entscheidungshilfe, wie dem Münzwurf, zur Verringerung des Wunsches bei Entscheidern führt, weitere oder zusätzliche Informationen zur Entscheidung anzufordern oder zu nutzen.
  • Eine weitere, wichtige Erkenntnis war die Tatsache, dass sich die Entscheider, durch den Münzwurf nicht von ihrer ursprünglichen Präferenz oder Wahl abbringen liessen.

Der Nutzen, so die Forscher, könnte sein, dass die Anwendung von einfachen Entscheidungshilfen, wie dem Münzwurf dazu beitragen könnte, Entscheider aus Entscheidungsblockaden herauszuführen, sowie aufgrund des verringerten Informationsbedarfs und einer verkürzten Informationssammelphase, schneller zu Entscheidungen zu kommen.

Im Interview mit Christoph Deumling ging es mir darum, diese Ergebnisse einzuordnen und auf die Chancen und Risiken bei der Anwendung des Münzwurfs hinzuweisen.

Doch bevor Sie die Chancen und Risiken studieren bzw. den Münzwurf zur Anwendung bei der Entscheidungsfindung in Betracht ziehen, sollten Sie sich unbedingt fragen, um was für eine Entscheidung geht es hier eigentlich. Ist die Entscheidung wichtig oder unwichtig? Ist sie umkehrbar oder nicht? Ist sie komplex oder weniger komplex?

Bei wichtigen und nicht umkehrbaren Entscheidungen rate ich dringend vom Münzwurf als Lösungsindikator ab! Genauso abwegig ist die Anwendung einer Münze, wenn die beste Lösung offensichtlich bzw. eindeutig ist. Um eine Stimmung oder Präferenz zumindest zu erkennen (siehe unterhalb), kann die Münze jedoch einen Nutzen haben.

Die Chancen des Münzwurfs:

  • Entscheidungsstau und Entscheidungsblockaden, lassen sich zumindest kurzfristig, bei unkritischen Entscheidungen, schnell und effektiv auflösen.
  • Der Münzwurf wirkt auch unterbewusst. Durch Anwendung des Münzwurfs darf der Entscheider die Erfahrung machen, dass der Entscheidungsprozess, in diesem Fall, auch ganz einfach gehen kann.
  • Auf diese Weise hilft der Münzwurf ursprüngliche Präferenzen besser sichtbar zu machen.
  • Ist der Entscheider nicht in der Lage Verantwortung für das Resultat der Entscheidung zu übernehmen, so kann der Münzwurf hier zumindest für den Augenblick Entlastung und eine Lösung anbieten.
  • Wer Kontrolle abgeben will oder muss, der kann für den Augenblick Nutzen aus dem Münzwurf ziehen.
  • Der Münzwurf kann wie ein Ritual oder Stoppschild genutzt werden, wie die Forscher anregen. Mit der Anwendung des Münzwurfs wandert der Fokus von der Willensbildung und Informationssammlung zum nächsten Schritt, der Umsetzung der Entscheidung.
  • Mittels Münzwurf können Sie lernen, mit dem Zufall angemessen und effektiv umzugehen.

Die Risiken des Münzwurfs:

  • Der Münzwurf ist aus wissenschaftlicher oder rationaler Perspektive, als konkreter, inhaltlicher Indikator absolut unbrauchbar.
  • Wer bei Entscheidungen, die sowohl wichtig, als auch nicht umkehrbar sind, auf den Münzwurf als inhaltlichen Lösungsindikator setzt, der/die sollte sich dringend untersuchen lassen.
  • Schnelle Entscheidungen aufgrund eines geringen Informationsbedarfs erscheinen zunächst attraktiv. Es gibt jedoch keinen Shortcut bei der Informationsgewinnung. Entweder Sie haben die notwendigen Informationen oder sie haben sie nicht.
  • Wer den Münzwurf wählt, und damit den Informationsgewinnungsprozess beendet, tut dies häufig, um sich vor unliebsamen Informationen zu schützen.
  • Wir wollen es halt in den meisten Fällen so einfach und so eindeutig wie möglich haben. Die Welt ist aber leider, oder wie ich finde zum Glück, nicht “Schwarz oder Weiss”, sondern grau und auch bunt.

Ob wir jetzt für uns zu der Schlussfolgerung kommen, dass der Münzwurf in einigen Fällen einen Nutzen haben kann oder nicht, ist meiner Meinung nach zweitrangig. Viel wichtiger ist nach meiner Erfahrung, dass wir uns dem Entscheidungsprozess mit einer positiven Haltung zuwenden. Nur wenn wir uns darin üben, Entscheidungen als echte Chance wahrzunehmen, um unser Leben, und das Leben anderer positiv zu beeinflussen, steigern wir die Wahrscheinlichkeit dieses Ziel auch effektiv zu erreichen.

Fundierte Entscheidungsprozesse zu erlernen und zu üben ist hier der sicherste und vielversprechendste Weg zum Erfolg. Am einfachsten Erlernen und Anwenden läßt sich dies im Rahmen der  proaktiven Entscheidungsentwicklung, also dem Decision Timing. Der Münzwurf kann auch hier, in ganz besonderen Fällen von Nutzen sein. Ohne Übung, ohne Selbstreflexion bzw. unreflektiert, rate ich jedoch dringend von dessen Anwendung ab.

Das Interview, das Christoph Deumling heute mit mir geführt hat, liegt mir als offizieller Mitschnitt vor, den ich aber leider nach Vorgabe des Bayerischen Rundfunks zur Zeit nicht veröffentlichen darf. Was ich jedoch tun kann, ist diesen Mitschnitt zum privaten Gebrauch in Form einer Email zuzusenden. Wer also daran Interesse hat, kann gerne ein Kopie für rein persönliche Zwecke bei mir anfordern.